„Nicht erklären, sondern erleben!“
Demokratie braucht Räume zum Mitgestalten.
Wenn über „wehrhafte Demokratie“ gesprochen wird, klingt das oft abstrakt. Für die Arbeit im Jugendwerk der AWO wird jedoch schnell klar: Demokratie wird nicht nur verteidigt – sie wird im Alltag gelernt, erlebt und gestaltet.
Zugang schaffen – aber wie?
In der Praxis gibt es viele Projekte, Angebote und Formate – doch eine zentrale Frage bleibt: Wie erreichen wir die jungen Menschen, die von diesen Angeboten besonders profitieren können und die wir mit unserer Arbeit erreichen möchten? Häufig führt der Zugang über Beziehungen, Vertrauen und bestehende Kontakte. Manchmal über Geschwister oder Freundeskreise. Gleichzeitig zeigt sich: Diese Wege sind nicht immer einfach, denn auch innerhalb von Familien oder Peergroups bestehen Herausforderungen und Belastungen. Damit wird deutlich: Beteiligung entsteht nicht automatisch durch ein Angebot – sie entsteht durch Beziehungsarbeit, Zeit und echte Anknüpfungspunkte an die Lebensrealität junger Menschen.
Demokratie heißt Beteiligung
Das Jugendwerk der AWO versteht Demokratie nicht als fertiges System, sondern als aktiven Prozess. „Demokratie braucht Beteiligung“ ist dabei kein Slogan, sondern tägliche Praxis – in Gruppenstunden, Projekten und Gremienarbeit. Das Jugendwerk arbeitet dabei auf vielfältige Weise mit anderen Trägern, Vereinen und Organisationen zusammen. Ein wichtiger Rahmen für diese Vernetzung ist die Mitarbeit im Stadtjugendring, um sich aktiv in politisch und gesellschaftlich relevante Prozesse einzubringen. Darüber hinaus entstehen zahlreiche Kooperationen und Beteiligungsprozesse auch unmittelbar aus den Projekten und Kontakten des Jugendwerks heraus. Dieses Netzwerk ist entscheidend, um Beteiligung auch strukturell zu verankern.
Begegnung statt Vorurteil
Ein wiederkehrendes Thema in der Arbeit ist der Umgang mit Vorurteilen, insbesondere dort, wo Herkunft, soziale Zugehörigkeit oder materielle Voraussetzungen zu vorschnellen Zuschreibungen führen. Gerade junge Menschen zeigen häufig, dass Begegnung Vorurteile abbauen kann. Wo Vertrauen entsteht und unterschiedliche Lebenswelten aufeinandertreffen, entwickeln sich oft Selbstverständlichkeiten des Miteinanders, die Erwachsenen manchmal schwerer fallen. Junge Menschen können Verantwortung übernehmen, Beteiligung gestalten und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern – wenn man ihnen Räume, Vertrauen und Unterstützung gibt.
Schutzräume schaffen
Im Kern geht es bei all diesen Ansätzen um eines: Schutzräume für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in denen sie sich ausprobieren, lernen und stärken können. Diese Räume folgen oft einer basisdemokratischen Logik – Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Verantwortung wird geteilt.
Begegnung und Mitgestaltung bedeuten dabei weit mehr als gemeinsames Feiern oder das Ausüben von Hobbys. Über niedrigschwellige Angebote, Spiel, gemeinsame Aktivitäten und Beteiligungsformate entstehen Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. So werden Lern-, Reflexions- und Begegnungsräume geschaffen, in denen Vorurteile hinterfragt und Verständnis füreinander entwickelt werden können. Gleichzeitig fördern solche Formate den Austausch zwischen Generationen und unterschiedlichen Lebenswelten. Sie stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und schaffen die Grundlage für ein respektvolles und solidarisches Miteinander.
Denn eine wehrhafte Demokratie entsteht nicht durch Distanz – sondern durch Nähe, Beteiligung und die Bereitschaft, Menschen wirklich einzubeziehen.
Praxisformate aus dem AWO-Jugendwerk
Die folgenden Beispiele zeigen, Demokratie wird im Jugendwerk nicht in erster Linie vermittelt, sondern erlebt. Junge Menschen lernen Beteiligung, Verantwortung und Mitgestaltung dort, wo sie selbst handeln, entscheiden und gemeinsam Lösungen entwickeln können:
Juleica-Ausbildung: Ein Beispiel ist die Ausbildung im Rahmen der Jugendleiter*in-Card (Juleica). Im Seminar in Worpswede, das gemeinsam mit der AWO Bremen durchgeführt wurde, stand nicht die reine Vermittlung von Methoden im Vordergrund, sondern das Arbeiten mit realitätsnahen Situationen. Die Teilnehmende erlebten, wie es ist, eine Gruppe anzuleiten, Entscheidungen zu moderieren oder Konflikte auszuhalten, ohne sich dabei auf vorgefertigte Lösungen verlassen zu können. Zur Juleica-Ausbildung gehört auch ein Erste-Hilfe-Kurs, der gemeinsam mit dem Arbeiter-Samariter-Bund Bremen durchgeführt wurde. In Momenten, in denen es schnell gehen muss und keine Zeit für Abwägungen bleibt, zählt die Fähigkeit, zu handeln, statt zu zögern. Genau das wird hier trainiert: nicht nur zu wissen, was zu tun ist, sondern im entscheidenden Augenblick die Unsicherheit auszuhalten und aktiv zu werden.
Forumtheater: Wie Begegnung, Perspektivwechsel und Mitgestaltung gelingen können, zeigt das generationsübergreifende Forumtheater im Goethequartier in Bremerhaven. Das generationsübergreifende Beteiligungsformat wird gemeinsam mit der Quartiersmeisterei in den Räumlichkeiten des Jugendwerks durchgeführt. Zuschauer*innen bleiben dabei nicht passiv, sondern gestalten die Szenen aktiv mit und entwickeln neue Lösungsansätze für die dargestellten Situationen. Das Forumtheater geht auf die Methode des „Theaters der Unterdrückten“ des brasilianischen Theaterpädagogen Augusto Boal zurück. Ziel ist es, gesellschaftliche Konflikte nicht nur darzustellen, sondern gemeinsam zu bearbeiten und neue Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren. Zuschauer*innen werden dabei zu aktiven Mitgestaltenden. Sie steigen in die Szenen ein, übernehmen Rollen, probieren alternative Handlungsweisen aus und verändern den Verlauf der Situation.
Begegnungstag: Auch außerhalb klassischer Seminar- und Projektformate engagieren sich junge Menschen im Jugendwerk der AWO für ihr Quartier. Beim Begegnungstag auf dem Leher Pausenhof sowie bei der Abschlussveranstaltung des Projekts „Ankunftsquartiere gestalten“ auf dem Zolli brachten sie eigene Ideen ein, unterstützten bei der Organisation und gestalteten Angebote für Besucher*innen mit. Dabei übernahmen sie Verantwortung und trugen dazu bei, Beteiligung im Stadtteil sichtbar und erlebbar zu machen. Darauf können sie stolz sein – und wir als AWO sind es auch.